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Ganzheitliche Nachhaltigkeit als gelebte Tradition?

Wie Nachhaltigkeit funktioniert – am Beispiel des Osttiroler Villgratentals

Zurück zur Natur: Jahrhunderte lang lebte der Mensch in den Alpen mit der Natur. Holte sich von ihr, was er brauchte. Und hinterließ eine bescheidene, aber enkelkindertaugliche Welt. Dann kam der Tourismus. Berge wurden mit Seilbahnen überzogen und Täler mit Hotelburgen betoniert. Überall? Oder können Nachhaltigkeit und Tourismus gemeinsam funktionieren? Die Menschen im Villgratental in Osttirol leben vor, wie es geht. Ohne viel Tammtamm.

 

„Kommen Sie zu uns, wir haben nichts!“ Das ist kein Werbeslogan einer hippen Werbeagentur für das Villgratental, sondern Fakt. Das Seitental des Hochpustertals hat keine Liftanlagen, keine Fünf-Sterne-Superior-Hotels, keine Autobahn, keinen Regionalflughafen. Dafür viel mehr Natur pro Mensch als in weiten Teilen der Restalpen.

In dem zehn Kilometer langen Tal geht man im Winter auf Ski- oder Schneeschuhtour, im Sommer zum Wandern und Bergsteigen. Und man genießt dieses Nichts – die Stille, den Freiraum – was auf viele Menschen wie eine Therapie wirkt.

 

Noch immer leben viele der knapp 1.700 Seelen von der Landwirtschaft und der Verarbeitung lokaler Erzeugnisse. Einige haben sich einer sehr sanften Form des Tourismus verschrieben. Der achtsame Umgang mit Lebensraum und -grundlage ist allen Villgratern in die Wiege gelegt. Sie hegen und pflegen ihre Landschaft, bewirtschaften Almen und achten sehr auf das Tierwohl. Osttirol ist nicht zufällig der schafreichste Bezirk Österreichs.

Man ist, was man isst: eine alte Weisheit, nur zu oft vom Fastfood verschluckt

 

 

Über Lebensmittel nimmt man die Energie einer Region auf. Im Fall Villgratental die einer sehr entschleunigten Region. Viele Bauern vermarkten ihre wertvollen Hofprodukte im Nebenerwerb. Regionalität und Saisonalität sind hier das Natürlichste der Welt. Eines von vielen Beispielen: Der 4 Hauben Chefkoch Josef Mühlmann vom Gannerhof (einem liebevoll restaurierten Bauernhof) in Innervillgraten kauft direkt beim Bauern, kocht ausschließlich mit Produkten regionalen Ursprungs und betreibt sogar seine eigene Hausmühle.

Ob in den kleinen Hotels und Pensionen im Tal, beim Urlaub auf dem Bauernhof oder in der Vermietung generell – in Osttirol arbeiten viele Einheimische im Tourismus, die Arbeitsplätze liegen oft direkt vor der Haustür. Die Wertschöpfung bleibt damit dort, wo sie hingehört: in der Region. Besonders stolz sind die Villgrater auf ihre einzigartige Kultur. Viele Menschen hier leben ihre alten Traditionen – das Sternsingen gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO –, pflegen gesunde Lebensweisen – vom Brotbacken bis zum Kräuterwissen – und erhalten das Wissen von früher. Wann schlägt man Holz? Die Bauern- und Mondkalender wissen es!

„Overtourism“ ist im Villgratental ein Fremdwort. Und das bleibt auch so.

 

Statt internationaler Hotelketten findet man hier kleine Familienbetriebe. In den zwei Villgrater Bergdörfern ist das Verhältnis zwischen Gästebetten und Einwohnerzahl ausgewogen. Als Urlauber fühlt man sich als willkommener Gast, mit dem sich die Einheimischen gleichberechtigt den Erholungsraum und den Freizeitwert der Region teilen. Familienanschluss auf Zeit gehört hier natürlich dazu.

Apropos Bergdörfer: Außervillgraten und Innervillgraten gehören zu den „Bergsteigerdörfern“. Dieses Projekt des Österreichischen Alpenvereins setzt seit 2008 die Forderungen der Alpenkonvention in die Realität um. Dazu gehört unter anderem, dass in den Dörfern keine Großprojekte durchgeführt oder künstliche Aufstiegshilfen errichtet werden.

 

Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘. Und im Villgratental auch koa Natursünd‘

Der Wurzerhof wurde 1433 erstmals urkundlich erwähnt. Seit 2001 steht das Ensemble aus Einhof, Kapelle, Mühle, Schmiede, Waschhütte und Sägewerk unter Denkmalschutz. Heute können Besucher im Museum des Wurzerhofs in die Villgrater Kultur eintauchen – und auch im Hof übernachten. Eine einzigartige Möglichkeit, die achtsam behütete Tradition einzuatmen.

 

Was hat Henry Ford mit dem Villgratental zu tun? Ganz einfach: Der „Henry Ford European Conservation-Award“ ehrt seit 40 Jahren herausragende Umweltschutzprojekte. Einer der Preisträger ist das Villgratental, genauer: die Wegelater Sägein Innervillgraten. Dieses einzigartige Venezianer-Sägewerk mit Wasserkraftantrieb haben die Villgrater restauriert und wieder in Betrieb gebracht. Ein harmonischer Zweiklang aus Natur und Kultur. Fazit: Die Osttiroler wissen, dass sie nicht nur Tourismusregion, sondern Lebensraum sind. Dass man die Natur besser nicht schnell verbraucht, sondern für nachfolgende Generationen erhält. Massentourismus? Gab es in Osttirol noch nie. Und wird es in Zukunft nicht geben!

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